Scientific Conference – Festvortrag, Interview mit Dr. Antonia Rados

23. Juli 2018

Donnerstag, 11. Oktober 2018 von 11:30 – 13:00 in Convention Hall I A
Umbruch im Nahen Osten- Folgen für Europa

 

Frau Rados, was fasziniert Sie an Ihrer Arbeit?
Kriegsberichterstatter sind notwendige, aber relativ unbeteiligte Augenzeugen von Krisen und Krieg. Faszination jeder Art ist der falsche Zugang.

Sie haben viele Kriege live erlebt und deren Schrecken gesehen. Sind Sie ein Kriegsgegner?
Jeder ist heute Kriegsgegner.
Selbst manche Militärs und Politiker, die aber dann trotzdem Kriege vom Zaun brechen. Man muss den Krieg aus der Nähe sehen, um zu verstehen, er ist noch um einiges schlimmer als sich ein Kriegsgegner in der Ferne ausmalen kann…

Die meisten Ihrer Berufskollegen sind männlich. Berichten Frauen anders über den Krieg als Männer?
Männer sind im Krieg Ingenieure – Frauen Krankenschwestern. Die einen blicken auf die Waffensysteme, die anderen, die Frauen, auf die Opfer. Anlässlich des diesjährigen SEPAWA Kongresses in Berlin halten Sie einen Vortrag mit dem Thema „Umbruch im Nahen Osten – Folgen für Europa“.

Warum ist der Nahe Osten besonders wichtig für uns Europäer?
Der Nahe Osten ist unsere Nachbarregion – schon allein die Geographie erzeugt in jeder Beziehung eine besondere Nähe darüber hinaus mit Flüchtlingsströmen, religiösen Ideen, Rohstoffen und Krisen vor Europas Haustür.
Der Nahe Osten ist zugleich der Korridor der Weltgeschichte – wer sehen will, wo – hin das 21. Jahrhundert geht, muss auf eine Landkarte blicken. Europa, der Nahe Osten, das aufstrebende Asien, sie alle sind miteinander verknüpft und werden vielleicht auch eine gemeinsame Zukunft haben.

Die Weltpolitik ist derzeit geprägt vom Dissens wie vielleicht noch nie. Worin sehen Sie die Ursachen der Unfähigkeit zum Kompromiss?
Im Anstieg der starken Männer – in Europa, in den USA und anderswo.
Autoritäre Figuren feiern überall ein Comeback. Es geht ihnen meist mehr um ihr eigenes „Ego“ als um Kompromisse. Die verwechseln sie oft mit Schwäche.
Aber mit oder ohne starke Männer, die Weltlage ist extrem verfahren.
Auf jeden Fall wird es noch lange keine neue Weltordnung geben.

Die Flüchtlingskrise ist maßgeblich gekoppelt an Krisenherde wie den Nahen Osten. Sehen Sie überhaupt eine Chance, dass wir eine Welt ohne oder wenigstens mit weniger Krisen erleben?
Nein, denn niemand löst derzeit Krisen. Sie bleiben aber nicht nur bestehen, sie breiten sich weiter aus. Lange Krisen führen zu Flüchtlingsströmen, denn die Bevölkerung hat am Ende nur mehr eine Freiheit, nämlich die, wegzugehen. Sie macht es.
Typisch dafür der Syrien-Krieg, um den sich niemand kümmerte. Hätte man es getan, hätte es 2015 keine so massiven Flüchtlingsströme nach Europa gegeben.

Es gibt Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge. Ist Korruption, Misswirtschaft, Unterversorgung usw. nicht auch Krieg – Krieg gegen die eigene Bevölkerung?
Es ist kein Krieg. Es ist schlimm, aber weniger schlimm.
Vielmehr geht es darum, dass ein junger Nigerianer oder Syrer nicht versteht, warum die Suche nach einem besseren Leben ein Verbrechen ist.
Er will meistens nicht allein einen Job. Er will in einer anderen Gesellschaft leben. Jobs kann man schaffen. Eine gerechtere Gesellschaft aber nicht über Nacht.
Schuld daran sind die einheimischen starken Männer – aber auch der Westen, der sich jahrzehntelang um die eigenen Interessen – und wenig um die von Afrika oder Nahost kümmerte.

Welche Rolle spielt die Religion in den Krisen dieser Welt?
Der sowjetische Diktator Josef Stalin sagte einmal zynisch über den Papst: Wie vieleDivisionen hat der Papst?
Als Kriegsberichterstatterin zähle ich vor Ort vor allem die „Divisionen“: Wer kein Geld, keine Panzer hat, kann keinen Krieg führen, weder einen religiösen noch sonst einen…
Selbst der IS besaß trotz seiner islamischen Radikalität wenige militärische Mittel.
Daher verlor er gegen die westliche Allianz.
Die Religion spielt die Rolle, die man ihr gibt.
Andererseits ist die allgemeine Suche nach Identität im 21. Jahrhundert offensichtlich. Religion ist eine der Möglichkeiten, sich an eine Gruppe zu binden, vor allem wenn es wenig andere Angebote gibt.

 

Dr. Antonia Rados
studierte Politikwissenschaft und arbeitet seit fast 40 Jahren als Kriegsberichterstatterin für verschiedene Medien.

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